- Wenn nicht jetzt, wann dann?

Von Rinteln nach Bremerhaven

Von Rinteln nach Bremerhaven

In den vergangenen 3 Tagen bin ich insgesamt 290 Kilometer geradelt und weiter dem Weserradweg gefolgt. Ursprünglich hatte ich den Plan in Verden (Aller) den Radweg zu verlassen und von dort aus Hamburg anzusteuern. Da ich jedoch dieses Mal unbedingt am Wochenende in Hamburg sein wollte und aber keine Woche vor hatte zu bleiben, folgte ich einfach dem Weserradweg weiter bis nach Bremerhaven.

Am Samstag habe ich pünktlich um 10Uhr den viel zu überteuerten und nicht empfehlenswerten Campingplatz in Rinteln verlassen und die Innenstadt angesteuert, um dort einzukaufen und zu frühstücken. Die Stadt gefiel mir sehr gut und so lies ich mir auch viel Zeit mit dem Frühstück. Gegen 12Uhr ging es dann weiter an der Weser entlang in Richtung Bad Oeynhausen. Doch ich schaffte es keine 10km weit, da rufte der alltägliche Koffein, in Form eines Kaffees. Eine wunderschöne Radlerstation im Vorgarten eines Wohnhauses lud zu Kaffee und mehr ein und finanzierte sich über eine Kasse des Vertrauens. Kurz darauf gesellten sich dann auch noch zwei nette Jungs, die nach Rügen unterwegs waren, dazu und die Besitzerin des Standes kam zum plaudern ebenfalls vorbei.

Gut gestärkt ging es dann in der Aprilhitze und einer guten Ladung Gegenwind weiter über Bad Oeynhausen und Porta Westfalica mit dem schönen Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ebenfalls bemerkte ich während dem regelmäßigem Gegrüße auf dem Radweg, dass ich so langsam über die Grenze des “Moin” gefahren bin.

In Minden angekommen, sprach mich ein älterer Herr an, der ebenfalls auf dem Weserradweg unterwegs war, um sich in Petershagen Störche anzuschauen. Der Herr war sehr gesprächig und verfügte über ein ausgeprägtes historisches Wissen über die Region, aber auch zahlreiche andere Regionen von Deutschland. Er meinte, er sei bereits alle deutschen Flussradwege abgefahren (Ob dem wirklich so war?) und konnte mir in unserer halben/dreiviertel Stunden alle möglichen Fakten zu den verschiedensten Themen präsentieren. Ich dachte einfach nur: “Wow! Das habe ich noch nie erlebt”. Während dem Gespräch fiel mir aber auch auf, dass der Mann autistische Züge hatte. Es war jedoch trotzdem sehr interessant und der monotone Streckenabschnitt verging wie im Fluge.

Ab Petershagen wurden die Wege schlechter, die Radfahrer weniger und die Landschaft idyllischer. Im Gespräch mit einem Einheimischen bezeichnete ich die Region sogar als “verlassen”, woraufhin er mich ganz böse angeschaut hat.

Nach zahlreichen, winzigen Dörfern und Höfen kam schließlich Stolzenau. Eine etwas größere Gemeinde mit gutem Campingplatz, wo ich dann auch mein Zelt für die Nacht aufschlug. Auf dem Campingplatz traf ich dann auch wieder Oliver vom Vortag, der mit mir zu Abend gegessen hat und mit einkaufen gegangen ist. Auf dem Campingplatz hab ich dann auch noch nette Leute aus Frankfurt kennengelernt, die ab meinem 2. Tag bereits auch die identische Strecke zurück gelegt hatten und mich dazu einluden mit ihnen in Verden auf dem Campingplatz gemeinsam einen Roséwein zu trinken. Das klang sehr verlockend, doch ich passte. Verden war mir etwas zu kurz von der Distanz.

Am nächsten Tag wurde es still auf dem Radweg. Man begegnete immer weniger Menschen und immer mehr der Natur. Nach etwa 25km fuhr ich durch die schöne Stadt Nienburg und nach etwa 40 weiteren Kilometern kam ich nach Hoya, dem geographischen Mittelpunkt von Niedersachsen. In der Stadt Hoya genehmigte ich mir wieder einmal ein kleines Eis, wodurch ich Bekanntschaft mit Carsten* machen durfte, der äußerst interessant war. Ich saß keine 3 Sekunden mit meinem Eis, da sprach mich Carsten* an. Er fragte mich, was ich hier tat und ob mir Hoya gefällt. Und die nächste Frage war dann: “Magst du Bier?”. Und schon saß er vor mir und mit ihm auch zwei Hefeweizen. Carsten* ist Altenpfleger und wenige Jahre älter als ich. Er stank, lebte in seiner eigenen Welt, aber gehörte sicherlich zu den guten. Er erzählte etwas von Schicksal, er könne Gedanken lesen und er wisse ganz genau was ich hier tue und was in mir vor geht. Er erzählte, dass es Deoktoide und Nicht-Deoktoide (oder so ähnlich) gäbe. Und erzählte von Reptiloiden, Vogeloiden und so weiter. Er bezeichnete es als unnatürlich, dass eine Familie an uns vorbei lief und sich unterhielt, was ich nicht in entferntester Weise verstehen konnte.

Kurios wurde es spätestens ab dem Punkt, an dem ich ihn fragte, was ich denn sei. Ein Deoktoid oder ein Nicht-Deoktoid? Carsten* antwortete darauf: “Na keins davon. Du bist ein Mensch!” Ich darauf: “Und was bist du?” Er: “Ich bin ein Nicht-Deoktoid”.

Jedenfalls lies ich mich auf das Gespräch mit ihm ein und hatte irgendwie Spaß dabei dumme Fragen zu stellen und ihm zuzuhören. Ich bedankte mich bei ihm für das Bier und das interessante Gespräch und fuhr in Richtung Bremen, wo ich kurz vor der Stadt auf einem Campingplatz an der Weser für gerade einmal 4€ mein Zelt aufbauen durfte.

Am Ostermontag freute ich mich mal um 10Uhr zusammengepackt und gefrühstückt zu haben. Sonst wird es ja immer so 11/12Uhr bei mir. Also radelte ich den Weserradweg entlang nach Bremen hinein. Hier war der Weg auch wieder sehr gut beschaffen.

Ich lernte einen Rentner kennen, der mich ansprach, weil er auch regelmäßig Touren entlang der Flüsse machte. Er erzählte mir etwas über die nun anstehende Strecke nach Bremerhaven und empfohl mir, trotz Umweg von 10-20km, auf der Südseite des Flusses zu bleiben und nicht die Fähre zu nehmen. Auch beschrieb er mir den wohl wirklich besten Weg in die Bremer Innenstadt und war fasziniert von meiner Reiseidee. Er meinte: “Na wenn ich das gewusst hätte und meine Frau diesed Jahr nicht schon 5 oder 6 Urlaube gebucht hätte, dann würd ich jetzt grad mit dir mitfahrn”. Er machte einen größeren Umweg für mich und kurz vor der Innenstadt wünschte er mir alles Gute.

Anschließend folgte ich seinem beschriebenen Weg und schaute mir die Innenstadt von Bremen an. Ich war hier zwar schon, doch das war eigentlich nur im Dunkeln und da war ich mehr so auf dem Sprung, als wir 2016 mit dem Rad nach Sylt unterwegs gewesen sind. Anschließend fuhr ich noch an der Radstation vom Adfc vorbei, weil ich seit Sonntag Probleme mit meinem linken Pedal hatte. Die Radstation hatte auch am Ostermontag auf, allerdings nicht die Werkstatt und so bekam ich die Info, dass ich mein Pedal zertreten hätte, aber man mir heute nicht helfen könne. Na toll! Erste Panne nach nicht mal 800km. Dann musste ich eben die restlichen 90km bis Bremerhaven mit klackendem Pedal fahren!

Nach mehrmaligem Verfahren auf der Suche nach dem Weserradweg, gelang es mir schließlich ihn wieder zu finden und wurde mit starkem Rückenwind und grandios ausgebauter Strecke belohnt. Die Weser weitete sich und ich fuhr an zahlreichen Windrädern und dem gefühlt endlos langen Industriegebiet von Bremen entlang bis ich dann über Lemwerder kam. Dort angekommen bestieg ich einen schönen Aussichtsturm an der Weser und danach entschied ich mich (wie empfohlen) gegen die Fähre und nahm erst ganz zum Schluss, in Blexen, die Fähre rüber nach Bremerhaven. Die Strecke folgte an diesen Tag fast ausschließlich dem Damm und war sehr gut zu befahren. Meist gab es Rückenwind, doch gelegentlich gab es auch mal ganz üblen Gegenwind, was die Ostermontagsetappe letztendlich auch sehr anstrengend machte. In der Luft konnte man schon 30,40,50km vor dem Meer den Duft von Salzwasser vernehmen und auf der Weser waren nun auch große Schiffe unterwegs. Ein älterer Herr erzählte mir, dass die Weser auch schon so weit vor dem Meer von Ebbe und Flut betroffen sei, was ich kaum glauben konnte.

Die Fähre in Blexen wurde gestrichen, wodurch ich 1 Stunde lang warten musste. Schließlicb in Bremerhaven angekommen, fühlte ich mich irgendwie unwohl. Es war alles recht groß und sehr verlassen. Einige Stadtteile waren echt heruntergekommen. Der Campingplatz in der Innenstadt erwies sich dann auch noch als Baustelle mit winziger Wiese und ohne Sanitäre Anlagen. Also fuhr ich wieder aus Bremerhaven raus.

Ziemlich erschöpft kam ich dann auf einem schönen, großen Campingplatz in Spaden an und mein Zelt musste als einziges neben den ganzen Wohnmobilen gegen den nächtlichen Sturm bestehen. Hier zeigte sich erstmals wirklich die Qualität des Fiberglas-Gestänges meines nicht ganz billigen Zeltes 🙂

Anschließend geht es durchs Inland direkt nach Hamburg. Den Plan die Küste über Cuxhaven entlang zu fahren habe ich bei diesem extremen Ostwind gestrichen.

*= Name geändert

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