- Wenn nicht jetzt, wann dann?

Von Kalmar nach Stockholm (Teil 2/2)

Von Kalmar nach Stockholm (Teil 2/2)

Von Kalmar nach Stockholm habe ich insgesamt etwa 5,5 Tage gebraucht. Im ersten Teil habe ich von der Strecke bis zu einem See in der Nähe von Edsbruk berichtet. Nun im zweiten Teil berichte ich von den restlichen 3 Tagen auf dem Weg nach Stockholm.

Am Dienstag Vormittag begann ich damit nach meinem tagtäglich stärkenden Müsli die schöne Wildcamping-Stelle unmittelbar an einem See bei Edsbruk zu räumen und den neuen Schildern der Radstrecke “Kustlinjen” zu folgen. Die Schilder waren deutlich häufiger und besser angebracht als die des Cykelspåret und so hatte ich den kompletten Tag über keinerlei Probleme diesen zu folgen.

Nach anfänglichen Steigungen folgte nun zum ersten mal seit Mönsterås eine Straße, welche kilometerweit fast flach verlief. Danach kam immer wieder die ein oder andere Steigung, doch es folgten für den Rest des Tages überwiegend flache Straßen, was mir Hoffnung auch für die weitere Strecke in Richtung Norden gab.

Nach etwas mehr als 40km kam ich dann in der schönen Stadt Valdemarsvik an, wo ich mich dazu entschied mich in ein preiswertes Café zu setzen und einen Capuccino zu trinken. Dieser war sehr gut und kostete hier gerade einmal 30SEK(ca. 2,80€), was vergleichsweise günstig war. Ich saß dort dann mindestens zwei Stunden und schrieb meinen Eintrag über Öland. Danach ging ich noch einkaufen und fuhr nach rund drei Stunden Pause erst wieder weiter.

Von nun an änderte sich die Landschaft mehr und mehr. Neben den geringeren Steigungen gab es nun besonders viele Weideflächen und auch ungenutzte Wiesen. Der Wald wurde weniger und war an vielen Stellen nicht mehr so dicht. Man fuhr oft zwischen kleineren Bergen in kleinen Tälern und links und rechts gab es des öfteren Felswände zu betrachten. Es gab wieder mehr Höfe, welche typischerweise alle rotfarbig waren. An ein paar wirklich großen Scheunen bin ich vorbei gefahren und auf der Straße sind mir regelmäßig landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge begegnet. Ansonsten gab es kaum Verkehr und es war alles sehr idyllisch um mich rum. Generell waren die Straßen in dieser Gegend auch super in Schuss gehalten und so konnte ich es einfach nur rollen lassen. Nur ein paar wenige Kilometer rollte ich mal auf einem Schotterweg.

Einige Kilometer später stand dann auch eine Fähre über einen Meeresarm auf dem Programm, welche sich bei Norrkrog befand und kostenlos war. Generell, so meinte der Captain, seien nur zwei Fähren in ganz Schweden kostenpflichtig, was mich sehr freute zu hören, da ich 30km später wieder vor hatte eine Fähre zu nutzen.

Nach der Fähre folgte mal wieder ein etwas dichteres Waldgebiet und es fing langsam an zu dämmern, weshalb ich mich dazu entschied einen Platz zum Wildcampen ausfindig zu machen. Dieser befand sich dieses Mal in der Nähe der Straße neben einigen Nadelbäumen. Aus welchem Grund auch immer schlief ich in dieser Nacht etwas unruhig und wurde in den Morgenstunden vom lauten Wind und dem rascheln der Bäume so gestört, dass ich nicht mehr einschlafen konnte. Mit vielleicht 5 Stunden effektivem Schlaf stand ich schließlich um 6Uhr auf und saß bereits schon um 7Uhr auf dem Rad. Noch nie war ich so früh los gekommen auf Radtour.

Die ersten 20km bis Östra Husby waren sehr unangenehm. Der Wind war eisig und wurde von Böe zu Böe immer stärker. Wohl zum ersten Mal freute ich mich über Steigungen, damit mir warm wird, und verhasste die Abfahrten. In Östra Husby angekommen ging ich zum Supermarkt ICA um mal wieder meine 4 Wasserflaschen in der Pfandstation am Wasserhahn aufzufüllen (geht hier bei jedem ICA) und mein Frühstück einzukaufen. Zum ersten Mal hatte ich nicht genug Haferflocken und so gab es mal etwas anderes zum Frühstück. Anmerkung: In den schwedischen Supermärkten gibt es deutlich mehr und total leckere, süße Backwaren, als in Deutschland. Die können morgens ganz schön aktivierend sein.

Gut gestärkt ging es wieder aufs Rad und ich bin die letzten Kilometer bis zur nächsten Fähre in Skenäs geradelt. Auch diese war kostenlos und führte über einen weiteren Meeresarm.

Auf der anderen Seite angekommen wurde ich gleich von heftigen Steigungen empfangen und kam heftig ins schwitzen, weil ich noch die Jacke vom kalten Wind anhatte. Zu spät zog ich die Jacke aus und als dies dann geschah fror ich jedes Mal ganz schön vom Fahrtwind, als es wieder nach unten ging. Bis sich der kalte Wind am Mittag dann irgendwann verzog und die Sonne bei strahlend blauem Himmel genug wärmte war es bei den vielen Steigungen ein Wechselspiel zwischen Jacke an – Jacke aus – Jacke an – Jacke aus… Und jedes Mal natürlich anhalten und absteigen 😀

Nach wie vor folgte ich auch noch an diesem Tag den Schildern des “Kustlinjen” – Radwegs, verlor diese allerdings nach 40-50km und musste mit dem Teasi navigieren, weil der Akku vom Smartphone für die Navigation mit Google Maps leer war. Dummerweise navigierte mich der Teasi bei der dünn besiedelten und Waldreichen Region 10km lang mal wieder über die katastrophalsten Wege, welche sicherlich mehr zum wandern gedacht waren. Nach rund 2,5h für diese 10km hatte ich es dann endlich geschafft und genehmigte mir kurz darauf eine ordentliche Pause in der schönen und auch großen Stadt Nyköping.

Ich saß an einem Brunnen in der Stadtmitte und wollte mal wieder total hungrig ein Baguette mit Chili-Hummus verspeisen, als mich plötzlich eine ältere Dame auf schwedisch auf mein Gepäck angesprochen hat. Ich verstand natürlich nichts, sie schaltete aber sofort und fragte: „Which languages do you speak?”. Ich antwortete ihr: „English or German”. Und völlig unerwartet begann sie das feinste Deutsch wie eine Muttersprachlerin zu sprechen. Die Dame ist Schwedin, ging aber ein paar Jahre in Deutschland zur Schule. Nun ist sie Gymnasiallehrerin in Schweden und erzählte mir wohl fast ihren kompletten Lebenslauf und was die Söhne, Töchter und Enkelkinder gerade so machen und in ihrem Leben schon alles gemacht haben. Sie berichtete von ihren Erlebnissen, als sie früher als Jugendliche mit dem Rad von Helsingborg nach Trier und wieder zurück ohne Gangschaltung gefahren sei und dass sie sehr lange als Rucksacktouristin unterwegs war und 28 Länder bereist hat und nun mehrere Sprachen fließend sprechen könne. Wir sprachen über Arbeitsgesetze in Schweden (hier gibt es z.B. keinen Mindestlohn, aber die Gewerkschaften sind dafür sehr stark), über Nachhaltigkeit und den erhalt historischer Gebäude. Sie sprach über die schwedische Schule und die Sprachbildung der Bevölkerung und ich verglich diese mit der der Deutschen. Sie gab mir recht, dass die Schweden deutlich besser Englisch sprechen können, weil hier auch z.B. vieles im Fernseh auf Englisch läuft und dann nur schwedische Untertitel hat. Jedoch sind weitere Sprachen hier nicht verpflichtend (auch nicht im Gymnasium, das man erst ab 16 besucht), was die Dame etwas aufregte.

Die Dame war sehr freundlich, fragte ob ich ihre Hilfe bei irgendwas brauchen würde und schien lust zu haben sich noch ewig weiter zu unterhalten. Ich lehnte dankend ab.

Leider plagte mich nach schätzungsweise einer Stunde der Hunger zu stark und ich meinte, dass ich jetzt mal etwas Essen müsse und danach weiter fahren wollte um am nächsten Abend an meinem gebuchten Hostel in Stockholm ankommen zu können. Sie bedankte sich schließlich bei mir für die schöne Unterhaltung und wünschte mir eine gute Weiterfahrt.

Nach der Mahlzeit ging es dann weiter entlang der vom Teasi vorgegebenen Strecke, weil ich die Schilder des “Kustlinjen” auch nicht in Nyköping erspähen konnte. Nach gut 40 weiteren Kilometern Straße, sowie einer gehörigen Portion Steigung und jeder Menge Wald links und rechts erreichte ich das etwas größere Vagnhärad. Ich realisierte, dass morgen Feiertag ist und es sein kann, dass einige Supermärkte geschlossen haben (was dann nicht so war). Also kaufte ich sicherheitshalber schon mal für den nächsten Tag ein und anschließend machte ich mich dazu auf einen geeigneten Platz zu suchen, um nochmal ein letztes mal vor Stockholm wild zu campen.

Fast 5km musste ich fahren um endlich eine gute Stelle zu finden. Diese befand sich am Waldesrand und lag etwas abgelegen, sodass dort wahrscheinlich auch keiner vorbei kam. Ich baute schnell mein Zelt auf und nach all diesen Steigungen und der längsten Etappe in Schweden mit 112km an diesem Tag, sowie einer unruhigen, letzten Nacht gelang es mir dann auch sehr schnell einzuschlafen.

Am nächsten Tag konnte ich ganz entspannt frühstücken, abbauen und mein Fahrrad warten, weil ich nur 65km bis zum Hostel im Westen Stockholms vor mir hatte. Mein Fahrrad zu warten war dann auch dringend nötig, denn am Antrieb hatte sich überall schmieriger Dreck durch das Kettenöl festgesetzt. Nur sehr schwer gelang es mir diesen abzubürsten und ein Teil davon war überhaupt nicht abzubekommen.

Als ich meinte, dass es reicht mit dem Bürsten ging es zuerst 5km zurück nach Vagnhärad und von dort aus auf einem Fahrradweg immer entlang der Straße in Richtung Södertälje. Es folgten ein paar Steigungen in nicht sonderlich spannender Landschaft und nach etwas mehr als 20km machte ich dann meine erste Pause in einer Bushaltestelle und widmete mich wieder meiner Lieblingsbeschäftigung auf Radreisen: dem Essen.

Ich saß noch nicht lange, da stand plötzlich ein anderer Radreisender vor mir. Sein Name war Wolfgang und er kam aus Aachen. Um genau zu sein wohnte er in Belize, doch er war Deutscher und besuchte seine Familie in Aachen und startete dort dann auch seine alljährliche Radtour. Wolfgang war von Aachen die komplette Strecke ebenfalls bis hierher gefahren, wobei er in Schweden jedoch den deutlich kürzeren Weg durchs Inland wählte. Wolfgang wollte sich etwa 2 Monate, eventuell aber auch etwas mehr, Zeit nehmen und anschließend von Stockholm aus rüber die Fähre nach Finnland nehmen. Wolfgang hatte seinen Laptop dabei und konnte von unterwegs aus arbeiten.

Ich fand es echt super mal einen anderen Radreisenden aus Deutschland zu treffen und sich ein wenig auf Deutsch auszutauschen. Wir pausierten kurz gemeinsam in der Bushaltestelle und danach fuhren wir die restlichen 20km bis zur Stadt Södertälje gemeinsam. In der Innenstadt von der überraschen großen Stadt Södertälje trennte ich mich dann jedoch wieder von Wolfgang, da dieser noch ein bisschen in einem Café am Laptop arbeiten wollte. Ich entschied mich zwar auch dazu einen Capuccino im “Espresso House” zu trinken, jedoch schlug ich nicht vor gemeinsam dort hinein zu gehen, weil ich Wolfgang nicht von seiner Arbeit abhalten wollte. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich gab ihm noch den Link zu diesem Blog mit auf den Weg.

Jedenfalls saß ich dann fast 2 Stunden im Espresso House und als ich wieder hinaus kam war es plötzlich deutlich kälter und es gab einen eisigen Wind, wodurch ich gleich zu frieren begann. Aber na ja, recht bald ging es dann ordentlich den Berg hinauf und ich hörte wieder auf zu frieren. Ich lies den Teasi navigieren und fuhr dann fast ausschließlich auf Straßen und guten Radwegen durch ein Wohngebiet nach dem anderen. Man merkte bei dieser für Schweden völlig untypischen Bevölkerungsdichte wie man langsam aber sicher in Richtung einer Großstadt kam.

In Skärholmen (westlich von Stockholm Stadtzentrum) angekommen ging es dann nochmal ordentlich den Berg hinauf und schließlich stand ich vor einem Hostel der besonderen Art, welches mich für die nächsten zwei Nächte beherbergen sollte. Doch davon werde ich in meinem nächsten Tagebucheintrag berichten.

Insgesamt wollte ich jedenfalls etwas länger als nur zwei Nächte in Stockholm bleiben, da es für mich das erste Mal in dieser Stadt ist. Für die darauffolgenden Nächte wollte ich mir deshalb Warmshower-Hosts suchen, die es zu genüge in Stockholm gab.

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