- Wenn nicht jetzt, wann dann?

In Saarburg an der Saar (2018)

Wie kommt man auf die Idee eine Europareise mit dem Fahrrad zu machen? Hätte es nicht auch ein Roadtrip mit dem Auto sein können, oder eine Flugreise mit Work & Travel? Was hat mich dazu bewegt, nicht wie so viele andere, die nach dem Abitur nach Australien, Neuseeland oder Südostasien reisen, in Europa zu bleiben? Und warum möchte ich diese Reise ganz alleine antreten? Die Antworten auf diese Fragen und viele weitere liest du in diesem Beitrag.

Es begann alles im Sommer 2012. Damals war ich 13, als mein Vater mich fragte, ob ich denn nicht lust dazu hätte mit ihm eine Fahrradtour an den Bodensee, zu unserer Verwandtschaft, zu machen. Wie ich darauf reagiert habe weiß ich gar nicht mehr. Mein Vater aber meinte, dass ich nicht so begeistert gewesen wäre von diesem Vorschlag. Nun ja, jedenfalls bin ich dann aber schließlich trotzdem mitgekommen.

An der Haustür in unserem Heimatdorf Böhl-Iggelheim sind wir gestartet und in innerhalb von 4 Tagen ging es nach Breisach am Rhein (bei Freiburg). Von dort aus haben wir dann geplanterweise geschummelt und den Zug an den Bodensee genommen. Nach ein paar wirklich schönen Tagen am größten See Deutschlands ging es dann wieder zurück in Richtung Heimat. Allerdings sind wir fast alles dann auch wieder mit dem Zug gefahren und hatten nur noch einen richtigen Fahrtag bei der Rückfahrt auf dem Fahrrad verbracht. An diesem Fahrtag sind wir von Heilbronn aus den Neckar entlang bis zum schönen Eberbach im Odenwald gefahren. Ich erinnere mich heute noch sehr gut an einige sehr schöne Momente, die ich damals bei dieser Tour auf dem Fahrrad gehabt habe. Ich genoss die Natur, die Bewegung, die ständig wechselnde Umgebung und den frischen Wind. Auf der Gegenseite kann ich mich aber auch noch sehr gut daran erinnern, dass ich doch an den Abenden recht fertig gewesen bin und auch von immer schlimmer werdendem Muskelkater geplagt wurde. Das war für mich nicht unbedingt selbstverständlich, weil ich doch jemand war, der schon seit der Kindheit als sehr sportlich galt. Doch entmutigen konnte mich das damals nicht.

Etwa 2 Jahre später erinnerte ich mich wieder daran, dass es mir damals viel Freude bereitet hatte Urlaub mit dem Fahrrad zu machen und so schlug ich meinen beiden besten Kumpels Nico und Philip vor in unseren Sommerferien für ein paar Tage auf Radtour zu gehen. Die beiden stellten darauhin eine 4-tägige Tour durch die Pfalz, Luxemburg und das Saarland zusammen. Es war eine tolle Tour und spätestens danach war ich von dieser Reiseform wirklich begeistert.

Im Frühling 2015 habe ich dann mit dem Juz Böhl-Iggelheim eine Radtour nach Straßburg und wieder zurück unternommen und im darauf folgenden Sommer bin ich mit meinen Kumpels Philip und Maxi den Rheinradweg bis nach Bonn gefahren. Das Fahrrad habe ich nun auch zunehmend häufiger im Alltag genutzt und habe problemlos immer längere Strecken in der Heimatregion zurückgelegt.

Im Sommer 2016 stand dann erstmals eine etwas größere Tour an. Damals bin ich wieder mit Philip und Maxi, sowie Jonas, welchen ich über das Internet kennengelernt habe, bis nach Sylt geradelt. Leider wurde ich kurz vor der Tour krank und habe so in etwa die ersten 350km verpasst. Das hat richtig weh getan, weil ich mich im kompletten Jahr auf nichts mehr gefreut hatte als auf diese Tour. Das Selbe passierte auch im darauffolgenden Sommer, als ich mit der selben Truppe erneut unterwegs gewesen bin. Dieses mal ging es nach Wien, was in etwa einer Strecke von 1300km entsprach. Ich startete mit einer üblen Erkältung und musste fibrig nach etwa 1100km völlig erschöpft aufgeben, einen Arzt aufsuchen und den Zug nach Wien nehmen.

Längst war ich unter vielen Leuten bekannt als der jenige, der überall mit dem Fahrrad hinfährt und dieses auch als sein Mittel zum Zweck benutzte. Das lag sicherlich zu einem großen Teil auch daran, dass ich dies immer liebend gerne nach außen getragen habe, weil ich der Meinung war und immernoch bin, dass das Fahrrad noch viel mehr als Fortbewegungsmittel von der Gesellschaft in betracht gezogen werden sollte. Die ökologischen, gesundheitlichen, sowie finanziellen Vorteile sind so überwiegend, dass es das Autofahren in ein völlig anderes Licht stellen sollte. Insbesondere in Kombination mit den öffentlichen Verkehrsmitteln spart man im Durchschnitt, sofern man alle Faktoren mit einberechnet, auch noch Zeit gegenüber der Fortbewegung mit dem Auto. Dem Autofahren konnte ich noch nie etwas abgewinnen. Und Schifffahrten, sowie Flüge sind für mich erst recht, schon alleine aus ökologischer Sicht, keine Option.

Doch wie kam es dann schließlich zu der Entscheidung eine solche Reise zu machen?

Im Sommer 2017 stand das Abitur an und für mich war es unvorstellbar direkt nach der Schule anzufangen zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Ich war mir sicher, ich würde mir nicht nur ein oder zwei Jahre Zeit lassen können nach dem Abitur, weil der Freiheitsdrang und individualistisches Bestreben in mir viel zu groß waren. Ich war einfach zu weltoffen, neugierig, abenteuerlustig und eben Freiheitsdenkend, um nicht reisen zu gehen. Ich dachte mir immer wieder: “Wenn nicht jetzt, wann dann?”. Ebenfalls war ich der Ansicht, dass ich mit nichts, keinem Studium, keiner Ausbildung, so schnell persönlich wachsen und reifen können, wie mit einer Reise. Und das am Besten eben mit einer wirklich abenteuerlichen Reise, die ich auch noch alleine mache.

Zuerst hatte ich lange Zeit auch den Klassiker im Kopf: Work & Travel in Australien. Das begann so im Frühling 2016. Also ein gutes Jahr vor dem Abitur. Doch nach der Fahrradtour nach Sylt im Sommer 2016 kam dann einige Wochen später die Idee dies fortzuführen und nach dem Abitur nicht nach Australien zu gehen, sondern mich aufs Fahrrad zu setzen. Es vergingen einige Monate, in denen ich mir noch unsicher war: Work&Travel, Freiwilligenprojekt oder eben eine Europa-oder Weltreise mit dem Fahrrad. Doch über einen schleichenden Prozess kam mir eine Radreise dann immer reizvoller vor und Anfang 2017 – könnte man sagen – hatte ich mich dann auch dazu entschieden. Ich sah einfach immer mehr Vorteile in einer Reise mit dem Fahrrad: die Geschwindigkeit, die Unabhängigkeit, die Nähe zu Land und Leute, die Bewegung, die Kosten, das Abenteuer und natürlich die Ökobilanz. In einem anderen Beitrag [Klick!] gehe ich noch deutlich näher auf die eben genannten Vorteile ein.

Es folgte das Abitur und die darauf folgende Sommertour 2017 nach Wien bestätigte mich noch einmal mehr, dass ich diese Reise unbedingt machen sollte. Manche, die eine solche Reise planten, erzählen, dass sie über das Internet motiviert wurden eine längere Fahrradreise zu machen. Bei mir war das glaub weniger der Grund. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nahezu gar nichts im Internet zu diesem Thema recherchiert. Mir war bis zum Entscheidungszeitpunkt auch noch völlig unklar wie viele Menschen so etwas machten und dass es dafür sogar große Communitys oder ein Netzwerk wie Warmshowers gibt, über das Radreisende Übernachtungen bei Einheimischen einfach finden können. Ich würde auch sagen, dass ich zu Fahrradreisen (Ich meine damit nicht Fahrradurlaube) nie wirklich einen Bezug davor hatte, weil es eben eine Reiseform ist, die defintiiv von Minderheiten praktiziert wird. In meinem Bekanntenkreis fällt mir nur eine Person ein, die über mehrere Monate mit dem Fahrrad unterwegs war. Bezug hatte ich also kaum einen und informiert war ich schon gar nicht. Das kam dann alles erst, nachdem ich mich zu alldem schon längst entschieden hatte 😀

Aber warum habe ich mich dazu entschieden eine Europareise zu machen und nicht mal eine völlig andere Kultur kennenzulernen?

Zunächst einmal ist dies meine erste Reise. Alles was ich bereits gemacht habe sind kurze Touren von maximal 10 Fahrtagen und das auch noch bis 2018 mit anderen zusammen und ohne Zelt. Letztes Jahr habe ich dann zum ersten Mal zwei kürzere Touren alleine und mit Zelt gemacht und es hat mir sehr gut gefallen. Jedoch verfüge ich noch über kaum Praxiserfahrung und somit bietet es sich an erstmal noch Erfahrungen zu sammeln und nicht gleich auf Weltreise zu gehn.

Außerdem glaube ich, dass Europa völlig unterschätzt wird. Wenn ich mir so einige Bilder aus Skandinavien, Island, Irland oder Schottland beispielsweise anschaue, frage ich mich doch sehr, warum ich viel weniger Leute kennengelernt habe, die schon in einem dieser Länder waren, als z.B. in Thailand oder Australien. Vielleicht, weil das bereisen ferner Länder einen gewissen Status vermittelt?
Wieso sollte ich nach Südostasien, wo die Infrastruktur für Radfahrer erstens deutlich schlechter ist und ich zweitens noch nicht mal annähernd ganz Europa gesehen habe? Die Südeuropäischen, Mitteleuropäischen und Osteuropäischen Länder habe ich schon gesehen. In Nord-und Westeuropa bin ich hingegen noch nie gewesen. Ich möchte erst einmal diesen Teil der Erde gesehen haben, was sich ja auch total anbietet bei der vergleichsweise geringen Distanz.

Ich bin aber natürlich überhaupt nicht abgeneigt auf anderen Kontinenten zu radeln. Die völlig andere Landschaft, Kultur, Menschen und auch die oft deutlich geringeren Kosten reizen mich natürlich enorm. Die Infrastruktur für Radfahrer soll oft deutlich schlechter als in Europa sein, aber man passt sich ja an als Reisender 😀 Das “Project” im Namen steht also auch dafür keine Grenzen für meine Radreisen an den Europäischen Grenzen zu ziehen.

Aber warum muss es denn alleine sein?

Letzten Endes gibt es auf diese Frage zwei Antworten. Einmal: Weil ich niemanden finden konnte, der mit möchte. Und einmal: So richtig hab ichs aber auch nicht versucht, weil ich alleine reisen möchte. Was fakt ist: Ich habe kein Problem damit alleine zu reisen. Denn mich reizen die Freiheit, die man hat, wenn man alleine reist, sowie die Möglichkeit leichter Menschen kennenzulernen.

Letzten Endes steht aber über diesem Thema noch ein großes Fragezeichen für mich selbst, weil mir auch einige negative Punkte gegen das Reisen alleine einfallen. Jedoch möchte ich diese Erfahrung unbedingt machen und mich im laufe der Tour dazu noch einmal äußern. Ich glaube aber, dass mir das Reisen alleine gefallen wird. Der Gedanke die meiste Zeit alleine zu sein löst zunächst mal keine Kopfschmerzen bei mir aus 😉

Es ist übrigens nicht so, dass ich strikt gegen gemeinsames fahren bin. Ganz im Gegenteil: Ich freue mich über Begleitung und somit ist wer mich für ein Stück begleiten möchte herzlich willkommen! Nur eben nicht für mehrere Monate. Vorerst zumindest 😀

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